Interview mit Reinhold Messner

Das Interview führte Fatma Tetik

Herr Messner, Sie sagten einmal, „meinen Instinkten wage ich nicht zu widersprechen.“ Welche Instinkte kann man im Angesicht einer lebensgefährlichen Bergbesteigung haben?

Reinhold Messner: Wenn Sie am Berg an einer Wand hängen und über Ihnen brechen plötzlich Steine, dann werden Sie sich nicht schreiend irgendwo verstecken, sondern Sie werden warten, bis die Steine ziemlich nahe sind, und dann  erst weichen Sie ihnen aus, weil Sie vorher nicht genau wissen können, wo sie genau runter kommen. Dieses Verhalten ist ein Instinkt. Das heißt, unsere Instinkte in der Todesgefahr sind viel schneller und viel besser ausgebildet als unser Intellekt. Unser Intellekt ist ein Korrektiv, aber die Instinkte sagen uns schneller, und vor allen Dingen, wenn es um Leben und Tod geht, was richtig und was falsch ist, um das Leben zu retten. Unsere Instinkte wollen das Leben retten, daher ist der Überlebenstrieb auch der stärkste Instinkt, den wir haben.

Kann man der Todesgefahr denn mit Kalkül begegnen?

Messner: Das muss im Vorfeld passieren. Bevor Sie in die Wildnis gehen, haben Sie Monate davor Ängste und Zweifel und wachen nachts davon auf. Sie sind dann nicht unmittelbar in Gefahr, aber Sie haben dann die Möglichkeit, im Vorfeld zu erörtern, woher diese Ängste und Zweifel kommen. Bin ich nicht genügend trainiert, beherrsche ich das oder jenes noch nicht, habe ich den falschen Partner? Diese Dinge können Sie dann mit Kalkül korrigieren, dann verschwinden die Ängste und Zweifel wieder. Und dafür braucht man wiederum den Intellekt.

Viele sehen in Ihnen einen Helden. Finden Sie sich selbst besonders mutig?

Messner: Nein, nein! (protestiert energisch) Mut ist nur die andere Hälfte der Angst. Ich bin kein besonders mutiger Mensch. Wenn jemand Ängste hat, dann braucht er auch Mut. Einen Menschen ohne Angst, der wirklich schwierige Sachen wagt, habe ich noch nie getroffen. Sie werden in meinen Büchern auch keinen Helden finden, der keine Angst hat, sondern im Gegenteil, Sie werden einen vorsichtigen, ängstlichen Menschen vorfinden, der versucht mit seinen Ängsten zurechtzukommen, indem er sich besser vorbereitet, indem er weiter trainiert, indem er sich die Logistik überlegt, und indem er den richtigen Partner findet.

Haben Sie dennoch einmal Todesangst verspürt bei einer Ihrer Expeditionen?

Messner: Die Todesangst löst sich am Ende ganz auf. So lange Sie eine Hoffnung haben, dass Sie das Leben retten können, krallen Sie sich an dieses Leben und werden wie ein wildes Tier. Wenn aber das Leben nicht mehr rettbar scheint, dann ist nach meiner Erfahrung eine Art Prozess im Gange in uns, der uns in den Tod gleiten lässt, und das ist eher ein erlösender Moment und kein schrecklicher.

Die Durchquerung der Wüste Gobi haben Sie als Weg durch sich selbst beschrieben. Wie ist das zu verstehen?

Messner: Die Wüstengeschichte hat mich an das Sterben erinnert, als eine Auseinandersetzung mit dem Altern als Prozess. Das Altern ist ja ein offenes hineingehen in den Tod, in diese zeitlich-räumliche Unendlichkeit.  Und die Wüste ist das Synonym dafür. Die Wüste als zeitlosen, unendlich großen Raum, in dem man sich verliert, das ist der Tod.

Hat Sie diese Erfahrung nicht verängstigt?

Messner: Nein, im Gegenteil. Das war ein sehr beruhigendes Gefühl. Ich kenne sehr viele alte Leute und sehe auch wie schwierig das Altern wird, mit Demenz und all den anderen Krankheiten, die es gibt und denen wir machtlos ausgesetzt sind. Natürlich habe ich noch ein kleines Kind und habe daher auch den Wunsch, dieses noch so lange wie möglich auch intensiv und bewusst zu begleiten, doch der Tod ist für mich keine tragische Angelegenheit. Ich habe mein Leben so intensiv gelebt. Mich braucht es auf dieser Welt nicht mehr so unbedingt.

Herr Messner, wie lässt sich denn das Leben eines vierfachen Vaters und Ehemannes mit dem eines Abenteurers vereinbaren?

Messner: Nun, die ganz verrückten Sachen habe ich alle gemacht, bevor ich Kinder hatte, sonst hätte ich mich wahrscheinlich nicht so weit exponiert. Das alles hat ja sehr viel mit Exposition zu tun. Dann habe ich auch noch viel gemeinsam mit meinen Kindern gemacht, die Antarktis zum Beispiel oder auch die 8000er bestiegen. Ich konnte aber mein Leben nicht einfach verändern, nur weil ich Kinder hatte. Ich habe auch auch das Glück gehabt, Frauen in meinem Leben zu haben, von meiner Mutter bis zu meiner heutigen Frau, die das geteilt haben, die das verstanden haben und die mich auch haben ziehen lassen. Einen wesentlichen Anteil an meinen Erfolgen haben im Hintergrund die Frauen und heute die Kinder in meinem Leben. Meine Mutter hat diese Leidenschaft verstanden und mich nie gebremst, obwohl sie sicherlich immer Angst hatte, zumal sie auch zwei Söhne in den Bergen verloren hat.  (Anm. d. Redaktion: Günther Messner starb 1970 beim Abstieg des Nanga Parbat im Himalaja, Reinhold Messner erlitt bei der Expedition schwere Erfrierungen, sechs Zehen mussten amputiert werden. Siegfried Messner starb 1985 als er in den italienischen Dolomiten im Seil hängend vom Blitz getroffen wurde.)

Haben Sie nach dem Tod Ihrer Brüder nie an Ihrem Hobby gezweifelt, wollten Sie nie aufhören?

Messner: Ich konnte meine Brüder ja nicht wieder lebendig machen, indem ich auf diese Leidenschaft verzichtet habe. Mit so einem dramatischen Unfall, bei dem ich auch noch dabei gewesen bin, wächst jedoch auch die Erfahrung und das Risiko ist beim nächsten Mal wesentlich geringer. Die Erfahrung wird früher oder später so stark, dass sie sich zum Instinkt ausbildet. In der Summe wird die Erfahrung mit der Zeit zum Instinkt. Bei Null ist das Risiko jedoch nie. Auf Null schalten können Sie es nur, wenn Sie komplett darauf verzichten.

Herr Messner, was reizt einen Grenzgänger, der schon so viele Abenteurer erleben durfte,  mit  nun 70 Jahren heute noch?

Messner: Ich mache heute nicht mehr die gleichen Sachen wie vor 50 Jahren. Ich schreibe sehr viel, treibe mein Bergmuseum voran, reise sehr gerne. Ich war gerade erst im Himalaya und bin bald wieder im indischen Himalaya. Ich gehe und steige, aber in einer Dimension, die meinem Alter entspricht.

Könnten Sie denn noch einen 8000er besteigen?

Messner: Wenn ich den Normalweg nehme, könnte ich ohne weiteres den Everest besteigen - mit Sauerstoffgeräten, auf einer Piste, wenn vorne einer zieht und hinten zwei schieben, würde ich da sicherlich noch hinaufkommen. Aber das wäre mir dann doch zu peinlich. (lacht)

Angenommen Sie könnten in die Vergangenheit reisen, was würden Sie dem jungen Reinhold als Tipp mit auf den Weg geben?

Das was ich meinen Kindern heute auch sage: folge deiner Leidenschaft und nicht irgendeinem Lebensweg, der sich irgendwelchen vorgegebenen, bürgerlichen Maßstäben anpasst. Ich habe ein Leben geführt, das absolut meinen Leidenschaften folgte, seit ich ein Kind bin.

Sie würden nichts anders machen wollen?

Messner: Nein, ich glaube, ich habe die richtige Wahl getroffen.

Herr Messner, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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